Biblische Grundlage
Die Werke der Barmherzigkeit gehen besonders auf die Worte Jesu in
Matthäus 25,31–46 zurück. Dort spricht Jesus vom Speisen der Hungrigen,
vom Tränken der Durstigen, vom Aufnehmen der Fremden, vom Bekleiden der
Nackten, vom Besuchen der Kranken und Gefangenen. Wer dem geringsten
Bruder dient, dient Christus selbst.
Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit
- Hungrige speisen.
- Durstigen zu trinken geben.
- Nackte bekleiden.
- Fremde aufnehmen und beherbergen.
- Kranke besuchen und pflegen.
- Gefangene besuchen oder freikaufen.
- Tote würdig begraben.
Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit
- Unwissende lehren.
- Zweifelnden guten Rat geben.
- Sünder zurechtweisen.
- Beleidigern verzeihen.
- Lästige geduldig ertragen.
- Trauernde trösten.
- Für Lebende und Verstorbene beten.
Barmherzigkeit in der Alten Kirche
In der Alten Kirche wurden diese Werke sehr praktisch gelebt. Arme
erhielten Unterstützung, Witwen und Waisen wurden versorgt, Kranke
gepflegt und Fremde aufgenommen. Auch Gefangene wurden besucht und
manchmal freigekauft. Verstorbene, besonders Arme und Märtyrer, wurden
würdig bestattet.
Für die ersten Christen war Barmherzigkeit kein Zusatz zum Glauben,
sondern ein sichtbares Zeichen der Nachfolge Jesu. Die Liebe zu Christus
zeigte sich in der Liebe zum leidenden Menschen.
Zeugnis der Kirchenväter
Kirchenväter wie Ignatius von Antiochien, Cyprian von Karthago,
Basilius der Große und Johannes Chrysostomos betonten immer wieder,
dass christlicher Glaube ohne tätige Liebe leer bleibt. Die Gemeinde
sollte ein Ort sein, an dem Arme, Kranke, Fremde und Verlassene Hilfe
finden.
Ein Kennzeichen der Christen
Seht, wie sie einander lieben!
Dieser bekannte Gedanke aus der frühen christlichen Überlieferung zeigt,
wie stark die gegenseitige Liebe der Christen wahrgenommen wurde. Nicht
Macht, Reichtum oder Ansehen standen im Mittelpunkt, sondern Hilfe,
Fürsorge, Gastfreundschaft und Treue im Leiden.
Zusammenfassung
Die Werke der Barmherzigkeit waren in der Alten Kirche Ausdruck eines
lebendigen Glaubens. Christen bekannten Christus nicht nur mit Worten,
sondern dienten ihm in den Armen, Kranken, Fremden und Gefangenen.
Barmherzigkeit wurde so zu einem sichtbaren Zeugnis des Evangeliums.
Jesus beschreibt hier konkrete Zeichen echter Barmherzigkeit. Wer Hungrige speist,
Durstigen zu trinken gibt, Fremde aufnimmt, Nackte bekleidet, Kranke besucht und
Gefangene nicht vergisst, dient damit Christus selbst. Die Liebe zu Jesus zeigt sich
also nicht nur in Worten, sondern in praktischer Hilfe für Menschen in Not. Diese
Verse wurden in der kirchlichen Tradition zur wichtigen Grundlage der leiblichen
Werke der Barmherzigkeit.
Koine-Griechisch – Matthäus 25,35ff
ἐπείνασα γὰρ καὶ ἐδώκατέ μοι φαγεῖν, ἐδίψησα καὶ ἐποτίσατέ με,
ξένος ἤμην καὶ συνηγάγετέ με, γυμνὸς καὶ περιεβάλετέ με,
ἠσθένησα καὶ ἐπεσκέψασθέ με, ἐν φυλακῇ ἤμην καὶ ἤλθατε πρός με.
Erweiterte Übersetzung
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig,
und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich
aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank,
und ihr habt nach mir gesehen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Schlüsselwörter zu den Werken der Barmherzigkeit
-
ἐπείνασα – „ich war hungrig“.
Von πεινάω. Es meint wirklichen Mangel an Nahrung.
Daraus folgt: Hungrige speisen.
-
ἐδίψησα – „ich war durstig“.
Von διψάω. Es bezeichnet Durst und Lebensnot.
Daraus folgt: Durstigen zu trinken geben.
-
ξένος – „Fremder, Gast, Ausländer“.
Gemeint ist jemand ohne Schutz und Heimat am Ort.
Daraus folgt: Fremde aufnehmen.
-
συνηγάγετέ με – „ihr habt mich aufgenommen“.
Von συνάγω, wörtlich: zusammenführen, aufnehmen, beherbergen.
Es meint gastfreundliche Annahme.
-
γυμνός – „nackt, unzureichend bekleidet“.
Gemeint ist Armut und Schutzlosigkeit.
Daraus folgt: Nackte bekleiden.
-
περιεβάλετέ με – „ihr habt mich bekleidet“.
Von περιβάλλω, wörtlich: umlegen, bekleiden.
Es meint Schutz und Würde geben.
-
ἠσθένησα – „ich war krank, schwach“.
Von ἀσθενέω. Es kann Krankheit, Schwäche und Hilfsbedürftigkeit meinen.
Daraus folgt: Kranke besuchen.
-
ἐπεσκέψασθέ με – „ihr habt mich besucht, nach mir gesehen“.
Von ἐπισκέπτομαι. Es bedeutet nicht nur kurz vorbeischauen,
sondern fürsorglich nach jemandem sehen.
-
φυλακή – „Gefängnis, Haft“.
Gemeint sind Menschen in Gefangenschaft und Isolation.
Daraus folgt: Gefangene besuchen.
Hinweis zum siebten Werk
In Matthäus 25,35–36 erscheinen sechs leibliche Werke der Barmherzigkeit.
Das siebte Werk, Tote begraben, steht nicht direkt in diesen
Versen. Es wurde in der kirchlichen Tradition ergänzt und besonders mit
biblischen Beispielen wie Tobit verbunden.